Selbst & Ständig – Interview mit Fotografin Sophia Molek

Wir sind super aufgeregt und freuen uns sehr, ab sofort ein ganz neues LAYERS-Format mit euch zu teilen. Regelmäßig werden wir euch hier nun spannende Menschen vorstellen, die sich dazu entschlossen haben selbstständig zu arbeiten. Dabei wollen wir nicht nur erfahren, was sie genau machen und wie sie sich ihre Zeit einteilen. Wir sprechen auch über Herausforderungen, Altersvorsorge, Finanzen und vieles mehr. Unser Ziel: Support, Inspiration und Motivation.

Für den ersten Beitrag haben wir die Leipziger Fotografin Sophia Molek getroffen. Im Interview verrät Sophia wie ihr Umfeld reagiert hat als sie von heute auf morgen vom 40-Stunden-Job in die 100-prozentige Selbstständigkeit gestartet ist, wie sie KundInnen gewinnt und was sie manchmal an einer Festanstellung vermisst. Zum Schluss hat Sophia außerdem noch drei super wertvolle Tipps für alle, die auch überlegen, sich selbstständig zu machen. Here you go!

 Sophia, als was und seit wann arbeitest du selbstständig? 

Die Fotografie hat mich schon als Teenager begleitet und wie das eben so ist, habe ich bereits vor über einem Jahrzehnt meine Leidenschaft darin entdeckt. Aus einfachen Blumenbildern und Tierschnappschüssen wurden irgendwann professionelle Portraitaufnahmen, bis ich 2018 durch Zufall in die Hochzeitsfotografie rutschte. Mittlerweile fotografiere ich seit 2022 Vollzeit Hochzeiten und erschaffe Fotocontent und visuelles Storytelling für UnternehmerInnen und Brands. Auf der einen Seite liebe ich es, die Geschichten meiner Hochzeitspaare festzuhalten und die gute Stimmung auf Hochzeiten einzufangen. Auf der anderen Seite arbeite ich auch unfassbar gerne strategisch, erschaffe Creative Directions für kommerziellen Fotoproduktionen und begleite Selbstständige fotografisch für ihre Websites und Social-Media-Kanäle. 

Warum hast du dich dazu entschlossen, selbstständig zu arbeiten und was hast du vorher gemacht? 

Ich habe mitten in der Coronapandemie meinen Masterabschluss beendet. Es war Ende 2020, es gab keine Impfungen und wir steckten fest in der ersten, schlimmen Winterwelle. Ich hatte die Wahl, als Berufseinsteigerin entweder einen Angestelltenjob zu suchen oder mich mit der Fotografie Vollzeit selbstständig zu machen. Gleichzeitig waren Veranstaltungen wie Hochzeiten im Lockdown verboten und ich hatte keine Perspektive, meinen vollen Lebensunterhalt mit der Fotografie verdienen zu können. Also entschied ich mich für einen Vollzeitjob im Marketing eines e-Commerce-Unternehmens. Irgendwann im Herbst 2021 saß ich mit einer Freundin auf der Karl-Heine-Straße beim Frühstück, sie hatte mich aus Berlin besucht, und wir redeten über unsere Jobs und wie krass viel Lebenszeit man mit 40 Stunden eigentlich opfert. Und irgendwann ließ sie dann einen Satz fallen, der mich sehr ins Grübeln brachte: „Sophia, ich habe sowieso nie verstanden, wieso du diesen Job angenommen hast. Wir alle sehen dich als Fotografin und hatten erwartet, dass du dich direkt selbstständig machst.“ Und sie hatte absolut recht. Ich habe noch am nächsten Tag meine Kündigung eingereicht. 

„Ich habe noch am nächsten Tag meine Kündigung eingereicht.“

Wie hat dein Umfeld reagiert? 

Ich bin von einem 40-Stunden-Schreibtischjob in die Vollzeit-Selbstständigkeit gestartet. Natürlich kamen da Bedenken und Fragen, warum ich nicht vielleicht erstmal auf Teilzeit runtergehe. Aber mir war eigentlich eines von Beginn an klar: Wenn ich es durchziehe, dann nur mit 100%. Denn jede Stunde, die ich in mein Business investiere, zahlt sich irgendwann aus – ob in Geld, Erfahrung oder Expertise. Mit einer zusätzlichen Halbzeitstelle könnte ich nämlich nur das operative Geschäft abwickeln: Hochzeiten fotografieren, Fotos bearbeiten und ausliefern. Jetzt habe ich neben dem operativen Tagesgeschäft auch Zeit und Energie, mein Business größer zu skalieren. Ich stecke viel Aufwand ins Marketing, mache jeden Freitag auf Instagram eine kleine Hochzeitssprechstunde und habe Anfang des Jahres meinen Wedding Blog gelauncht. Ich kann so viel enger an meiner Zielgruppe arbeiten und für mich und mein Business definieren, wie viel ich noch erreichen möchte. Die Skepsis meiner Familie hat sich eigentlich recht schnell gelegt, sobald sie gesehen haben, mit was für einer Energie und was für einem Optimismus ich meine Entscheidung verteidige. 

„Jede Stunde, die ich in mein Business investiere, zahlt sich irgendwann aus.“

Hattest du einen Business Plan? 

Nicht wirklich. Ich habe eine Master-Excelliste, so wie vermutlich jeder von uns. Sie ist mein Ein und Alles quasi und ich dokumentiere dort meine Umsatzprognosen, Einnahmen, Ausgaben, private Entnahmen und vieles mehr. Ich habe vor allem Anfang des Jahres aus meiner Erfahrung im Angestelltenverhältnis geschöpft. Ich wusste, dass ich mit meinem damaligen Netto-Jahresgehalt einen akzeptablen Lebensstandard führen kann und mir dann errechnet, welchen Umsatz ich schließlich in meinem ersten Jahr der vollen Selbstständig erreichen müsste, um diesen Standard halten zu können. 

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Wie kommst du an deine Kunden und Aufträge?

Auch in der Fotografie spielt Marketing natürlich eine große Rolle und als Fotografin habe ich das Privileg, dass die Ergebnisse meiner Arbeit hervorragend auf Social Media geteilt werden können. Ich kenne meine WunschkundInnen und habe definiert, wie eine perfekte Zusammenarbeit für mich aussieht. Dahingehend richte ich mein Branding aus und kommuniziere so nach außen. In der Hochzeitsbranche läuft auch viel über Empfehlungen: zum Beispiel wenn das ehemalige Hochzeitspaar mich der Familie empfiehlt oder andere DienstleisterInnen ihren Paaren von mir erzählen. 

Wie hast du als Fotografin deinen eigenen Stil gefunden? 

Ich bin natürlich immer mega happy, wenn Leute mir einen gewissen „Stil“ zuschreiben. Wenn ich mir die fotografische Entwicklung meiner letzten Jahre allerdings anschaue, dann habe ich sowohl in der Qualität als auch im Bearbeitungsstil riesige Sprünge gemacht. Und darauf bin ich stolz, denn ich versuche meinem Qualitätsanspruch stets treu zu bleiben und mir selbst und den Wünschen meiner KundInnen gerecht zu werden. Ich glaube, mein sogenannter „Stil“, wenn man es denn so benennen kann, zeichnet sich in meiner empathischen und fröhlichen Art aus, mit der ich Menschen während des Shootings begegne. Wenn sich mein Gegenüber während eines Fotoshootings nicht wohl fühlt, dann mache ich es zu meiner Aufgabe, eine entspannte und lockere Atmosphäre zu schaffen. Fotografieren ist für mich nicht nur das reine Betätigen des Auslöserknopfes – dazu gehören auch während des Fotoshootings ganz viel Verständnis und Einfühlungsvermögen. Da ich meinem Gegenüber immer mit Neugierde begegne, mache ich es zu meinem Stil, die Geschichten der Menschen nahbar und echt zu erzählen. 

Gibt es Tage, an denen du deine Entscheidung bereust? 

Es gab natürlich Momente, in denen ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und mich gefragt habe, ob ich das wirklich packen kann. Zum Beispiel als mein monatlicher Beitragsabschlag für die Krankenversicherung kam. Oder als ich nach sieben Jahren nebenberuflicher Selbstständigkeit die erste, negative Erfahrung mit einer säumigen Kundin gemacht habe – wenige Tage nach meiner Kündigung. Was ich manchmal vermisse, ist die finanzielle Sicherheit, die man im Angestelltenverhältnis hat. Denn ja, so ein Job abseits der Selbstständigkeit kann entspannt sein: Ich hätte mein fixes Gehalt, muss mir keine Sorgen über Umsatzeinbußen bei krankheitsbedingtem Ausfall machen und habe bezahlten Urlaub. Aber ganz ehrlich? Ich vermisse es nicht. Ich stecke lieber meine ganze Power in mein eigenes Business anstatt Lebenszeit in ein fremdes Unternehmen. 

„Was ich manchmal vermisse, ist die finanzielle Sicherheit, die man im Angestelltenverhältnis hat.“

Was machst du, um motiviert zu bleiben, auch, wenn es mal nicht so läuft? 

Ich liebe den Austausch mit anderen. Gerade in der Hochzeitsbranche gibt es so viele Möglichkeiten, weitere HochzeitsdienstleisterInnen kennenzulernen und Geschichten auszutauschen. Ob Wedding-Stammtisch, Foto-Meetups oder Coworking – als Hochzeitsfotografin ist ein stabiles Netzwerk super wichtig, schon allein um Ausfälle abzudecken oder von Empfehlungen zu profitieren. Und zu sehen, dass andere beeindruckende Erfolge erzielen oder mit den gleichen Problemen strugglen wie man selbst, kann unfassbar motivierend sein. 

Wie gehst du mit Ausfall durch Krankheit um und wie kümmerst du dich um deine Altersvorsorge? 

Tatsächlich habe ich ziemlichen Bammel vor einem Verdienstausfall. Wir HochzeitsfotografInnen arbeiten im Saisongeschäft und haben so nur wenige Wochenenden, um unseren gesamten Jahresumsatz zu erzielen. Der Gedanke, dass ich durch Krankheit für einen großen Teil dieser Saison ausfalle und Umsatzeinbußen von mehreren Tausend Euro habe, führt bei mir definitiv zu Existenzängsten. Die gleichen Bedenken habe ich übrigens auch bei einer Schwangerschaft. Und irgendwie finde ich es erschreckend, mir zeitnah ausreichend Rücklagen für eine etwaige Schwangerschaft zu bilden, wo ich momentan doch noch gar keinen Gedanken an Familienplanung verschwende. Ich habe allerdings eine großartige Finanzmentorin, der ich zu einhundert Prozent vertraue. Wir regeln sämtliche Versicherungen und meine Altersvorsorge und ich bin dankbar, dass ich mich mit dem Thema nur bedingt auseinandersetzen muss und mich auf ihre Expertise verlassen kann. 

Was ist für dich der größte Vorteil deiner selbstständigen Arbeit? 

Natürlich hat man Ängste während der Selbstständigkeit, aber ich würde diese Risiken niemals eingehen, wenn meine Freiheiten nicht überwiegen würden. Zum Beispiel die Freiheit, dass jede Arbeitswoche individuell ist und ich mir meine Termine so lege, wie es mir passt. Oder die Freiheit, mir meine Tätigkeitsschwerpunkte so zu definieren, wie sie mir liegen. Die Freiheit, mich mit den Menschen und KollegInnen zu umgeben, die ich schätze und die mir gut tun. Und natürlich die Freiheit, einfach beruflich das auszuüben, was ich verdammt gut kann und was mir unendlich viel Spaß macht. 

„Du hattest eine Idee und sie hat nicht funktioniert? Scheiß drauf!“

Welche Tipps hast du an alle, die auch überlegen, sich selbstständig zu machen? 

Tipp 1: Hol dir von Anfang an ExpertInnen mit ins Boot. Du musst keine bestimmte Größe erreicht haben, um Buchhaltung, deine Finanzen, Versicherungen oder Marketing auszulagern. Es gibt dort draußen Menschen, die hervorragend in Themengebieten sind, von denen du keine Ahnung hast. Also spar dir Zeit und Lehrgeld, indem du die Dinge, die dir selbst nicht liegen, einfach abgibst.

Tipp 2: Du willst neue Dinge ausprobieren und lernen? Mach es! Such dir ein Coaching, einen Onlinekurs oder ein Mentoring und lerne aus den Fehlern, die andere vor dir gemacht haben. Lerne von der Erfahrung und dem Wissensschatz anderer. Denn: Wenn du nicht mal in dich selbst investierst, warum sollten dann andere in dich investieren? 

Tipp 3: Nimm dir ein Scheitern nicht übel. Du hattest eine Idee und sie hat nicht funktioniert? Scheiß drauf! Sei stattdessen stolz auf dich, etwas gewagt zu haben und dass du dich aus deiner Komfortzone getraut hast. Schau nicht zurück, sondern richte dich neu aus und starte voll durch. 

Vielen Dank für deine spannenden Antworten, liebe Sophia!

Auf Sophias Website erfahrt ihr noch mehr über sie und ihre Arbeit als Fotografin. Folgt Sophia gern auch auf Instagram. Es gibt auch einen extra Hochzeitsaccount.

Was andere Menschen antreibt, ihre Geschichten und persönlichen Erfahrungen, besonders von GründerInnen, interessieren Francis am Meisten. Auf LAYERS findet ihr daher zahlreiche Interviews mit spannenden Persönlichkeiten. Außerdem stellt euch Francis regelmäßig Designfavoriten, Kulturnews und Lieblingsorte vor.

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