Vanlife: Mit dem Wohnmobil durch Europa – Interview mit Rosa aus Leipzig

Vom erfolgreichen Startup zum Nomadenleben im Wohnmobil. Was ein wenig wie eine überzogene Business Punk Headline klingt, fasst das Leben von Rosa aus Leipzig im letzten dreiviertel Jahr jedoch ganz gut zusammen. Nachdem sie und ihr Mann Johann mit der Whole Food Box einen erfolgreichen Abobox-Versand für vollwertige, pflanzliche Foodprodukte ins Leben gerufen haben, haben die beiden letzten Sommer – drei Jahre nach Gründung – ihre Firma verkauft, um einer spontanen Idee zu folgen: ihre Stadtwohnung untervermieten und mit dem Wohnmobil und den beiden kleinen Kindern durch Europa reisen. Wussten sie, was beim sogenannten Vanlife auf sie zukommt? Mit Sicherheit nicht, wie Rosa zugibt. Dennoch haben sie den Schritt gewagt und könnten heute nicht glücklicher sein.

Im Interview verrät Rosa, wie es ist sein Business-Baby in fremde Hände zu geben, wie sie ihr neues Leben im Wohnmobil finanzieren und weshalb man unterwegs keine Angst vor Einsamkeit haben muss.

Rosa, wir kennen uns ja eigentlich durch dein ehemaliges Startup Whole Food Box, welches du gemeinsam mit deinem Mann gegründet hast. Letzten Sommer habt ihr einen großen Schritt gewagt und euer Business-Baby an ein anderes Paar verkauft. Hand auf’s Herz: Wie schafft man das? Auch emotional, das loszulassen, was man über mehrere Jahre mit Herzblut aufgebaut hat.

Um ehrlich zu sein, ist es mir noch nie schwergefallen, etwas loszulassen. Ich habe eine tiefe Überzeugung in mir, dass alles im Leben immer nur besser wird, dass aber das „noch Bessere“ nur dann kommen kann, wenn man bereit ist loszulassen. Sowohl mein Mann als auch ich haben ein starkes Gefühl dafür, wann es an der Zeit ist, etwas loszulassen um Platz für etwas Neues zu schaffen.

Als wir unsere Whole Food Box verkauft haben, hatten wir außerdem bereits konkrete Pläne für die Zeit nach dem Verkauf und die Aussichten, die wir hatten, haben uns so glücklich gemacht, dass es leicht war, das gehen zu lassen, was wir uns vorher über drei intensive Jahre aufgebaut haben.

Ihr habt dann auch euer „normales“ Leben in einer Leipziger Wohnung aufgegeben und seid mit euren beiden Kids in einen Wohnwagen gezogen, in dem ihr seitdem durch Europa fahrt. War das schon lange euer Traum und wie fällt dein Fazit nach einem dreiviertel Jahr on the road aus? Viele haben ja sehr romantische Vorstellungen davon.

Tatsächlich war die Idee, in ein Wohnmobil zu ziehen, total spontan und auch erst nur als Witz gedacht: wir saßen im Winter 2018 zusammen und haben über die Zeit nach der Geburt unseres Sohnes nachgedacht … wir hatten gerade das Weihnachtsgeschäft hinter uns und wünschten uns mehr Zeit und Ruhe und entschieden daher, unser Unternehmen zu verkaufen. Dann sagte ich im Scherz: Und dann kaufen wir uns ein Wohnmobil und reisen durch Europa! Ich dachte, mein Mann würde darüber lachen, aber er antwortete ganz ernst: alles klar, machen wir!

„Tatsächlich war die Idee, in ein Wohnmobil zu ziehen, total spontan und auch erst nur als Witz gedacht.“

Wir haben dann einfach ein Wohnmobil gekauft und sind losgefahren; obwohl wir keine Ahnung davon hatten, was wir da eigentlich tun. Auch beim Kauf wussten wir nicht, worauf man achten sollte, weswegen wir noch eine ganze Stange Geld in Reparaturen stecken mussten. Aber kaum waren wir unterwegs, haben wir das Leben on the road geliebt! Mittlerweile sind wir seit neun Monaten unterwegs und genießen jeden Tag unendlich! Wir lieben es einfach, irgendwo in der Natur zu stehen, neue Landstriche zu entdecken, so viel Zeit draußen zu verbringen und überall unser Zuhause dabei zu haben.

Am Punto Paloma Beach in Tarifa.

Kannst du einen typischen Tag in deinem neuen Leben beschreiben? Wie sieht euer Tagesablauf aus?

In der Regel wecken unsere Kinder uns gegen 7 Uhr, dann kuscheln wir erstmal alle in unserem großen Doppelbett und gucken aus dem Fenster auf die Landschaft in der wir gerade stehen. Oft können wir dabei Vögel beobachten, oder auch mal ein Eichhörnchen. Nach dem Frühstück fahren wir entweder zu einem anderen Spot, oder mein Mann geht mit unserem Sohn spazieren, während unsere Tochter und ich zusammen am Strand sind, malen oder ich aufräume. Nach dem Mittagessen arbeite ich bis in den späten Nachmittag hinein und dann gehen wir meist nochmal alle zusammen spazieren. Jeden zweiten Abend arbeiten wir auch abends nochmal, wenn die Kinder schlafen. Ich hätte vor ein paar Monaten gar nicht gedacht, dass es im Leben auf Reisen tatsächlich einen geregelten Tagesablauf gibt, aber mittlerweile sind wir in unsere Routinen reingewachsen und schaffen die Family Travel-Work-Balance ganz gut.

So sehen aber natürlich nicht alle Tage aus – es gibt auch bei uns mal Chaos oder wir bleiben einfach mal spontan einen ganzen Tag am Strand anstatt zu arbeiten. Außerdem gibt es „Versorgungstage“ an denen wir Frischwasser tanken, Abwasser ablassen, einkaufen gehen und Wäsche waschen.

Viele werden sich auch sicher fragen, wie ihr euer Leben aktuell finanziert. Auch, wenn Kosten für Miete etc. wegfallen, laufende Posten wie Lebensmittel, Versicherungen usw. hat man ja immer. Arbeitet ihr unterwegs?

Wir geben tatsächlich nicht weniger Geld aus, als vorher – und dass obwohl wir keine Miete zahlen. Wir zahlen dafür ja wesentlich mehr Spritgeld und wir geben auf Reisen auch mehr Geld für Lebensmittel aus, weil wir in Leipzig immer relativ günstig in einer Bio-Kooperative einkaufen konnten. Außerdem ahnt man nicht, was man alles so braucht, wenn man im Wohnmobil lebt: (gefühlt) ständig kaufen wir irgendwelche neuen 12-Volt Adapter für diverse elektrische Geräte, Steckdosen für eine bessere Stromversorgung, einen neuen Kindersitz für das immer größer werdende Baby usw.  Ich arbeite daher von unterwegs für meinen Blog consciouslifestyleofmine.com und davon leben wir. Außerdem bekommen wir ja Kindergeld und auch noch für ein paar Monate etwas Elterngeld.

Gemeinsam mit anderen Vanlifern in El Chorro bei Málaga.

Den Begriff digitale Nomaden gibt es ja schon länger. Würdest du dich als solche bezeichnen? Wie sieht für dich die Zukunft der Arbeit aus? Was wünschst du dir vielleicht auch von Arbeitgebern bzw. Kunden?

Ich tue mich immer sehr schwer damit, mich irgendwelchen Gruppen zugehörig zu fühlen. Ich denke aber, man könnte schon behaupten, dass ich eine digitale Nomadin bin. Hier auf Reisen ist es für meine Arbeit als Bloggerin die größte Herausforderung, das Material über das ich schreiben darf, per Post zu empfangen. Wir haben ja keine feste Adresse und müssen immer genau planen, was wir zu welchem DHL Servicepoint schicken lassen können um es dann innerhalb von sieben Tagen in Empfang nehmen zu können. Das ist manchmal etwas chaotisch. Ich habe auf dieser Reise auch ein Buch geschrieben und das ist etwas, was ich mir auch für die Zukunft sehr gut vorstellen kann; bei einem Buch ist man nur an eine finale Deadline gebunden, ist aber sonst über viele Wochen hinweg völlig frei mit der Zeiteinteilung.

Bevor wir die Reise angetreten sind, habe ich mir vorgestellt, dass ich auch viel mit Kunden vor Ort zusammenarbeite. Das stellte sich aber leider als schwieriger heraus, als gedacht. Zum einen, weil es häufig sprachliche Barrieren gab, zum anderen, weil ich oft kurzfristig planen muss, weil wir nie genau wissen, wo wir in zwei oder drei Monaten sind und zum dritten dann, weil Corona vieles unmöglich gemacht hat.

Als Selbstständige ein oft vernachlässigtes Thema: Kümmerst du dich um deine Altersvorsorge?

Ich bin bei der KSK (Künstlersozialkasse) versichert und zahle dort auch Beiträge für meine Rente. Viel ist das nicht und ich hoffe definitiv, dass das bedingungslose Grundeinkommen in den nächsten 30 Jahren kommt, damit ich sorgenfrei alt werden kann.

Die letzten Monate waren ja durch die besondere Corona-Situation eine echte Herausforderung für uns alle, vor allem aber für Familien. Bist du froh, dass ihr diese Zeit nicht in eurem ehemaligen Alltag in der Leipziger Wohnung, sondern im Wohnmobil in der portugiesischen Natur erlebt habt? Mit welchen Einschränkungen musstet ihr zurechtkommen?

Oh ja, ich bin unendlich dankbar dafür, dass wir den Lock Down in der Natur verbringen durften! Als Corona Mitte März Spanien (und Deutschland) mit voller Wucht erreichte, entschieden wir von einem Tag auf den anderen, so schnell wie möglich nach Portugal zu fahren, weil die portugiesische Regierung weniger autoritär als die spanische ist. Wir sind so dankbar, dass wir das gemacht haben und mögen uns gar nicht vorstellen, wie es uns ergangen wäre, wenn wir in Spanien geblieben wären (wo man mit hohen Geldstrafen rechnen muss, wenn man während des Lock Downs spazieren geht oder mit seinem Wohnmobil irgendwo in der Natur herumsteht). In Portugal wurden während des Lock Downs Empfehlungen ausgesprochen, aber keine Geldstrafen verhängt. Die Portugiesen haben einfach richtig toll mitgemacht und waren von sich aus sehr vorsichtig – auch ohne, dass die Politik „streng“ sein musste; und so hat das Virus in der Gesellschaft kein größeres Chaos verursacht (im Vergleich mit Deutschland, wo ich gerade viel von Demos und Protesten lese…).

Für uns hieß Corona, dass wir fünf Wochen auf einem Privatgrundstück stehen mussten. Das war zwar schade um unsere Reise-Freiheit, aber auch nicht schlimm. Das Grundstück auf dem wir standen ist zwei Hektar groß und wir hatten viel Platz für uns. Wir durften auch ganz normal spazieren gehen und auch mit dem Auto unserer Corona-Hosts Ausflüge innerhalb der Region machen.

Mitten in der Natur bei Sevilla.

Zu viert auf engem Raum im Wohnmobil und 24/7 zusammen sein. Was hat das mit euch als Familie und auch mit dir und deinem Mann als Paar gemacht? Was möchtest du nicht mehr missen und in welchen Situationen wird es „brenzlig“?

Mein Mann und ich sind bereits seit 11 Jahren zusammen und nachdem wir die ersten vier Jahre eine Fernbeziehung hatten und dann endlich zusammengezogen sind, waren wir fast immer 24/7 zusammen: wir kennen das also schon gut und sind ein sehr gutes Team, unterstützen einander und sehen eigentlich immer, was der andere gerade braucht. Trotzdem mussten wir uns im Wohnmobil erstmal an die neue Situation gewöhnen: besonders der zweite Monat, war sehr anstrengend, weil es die ganze Zeit geregnet hat und wir kaum draußen waren. Trotzdem musste ich arbeiten. Schwierig wurde es immer dann, wenn wir uns als Opfer unserer Situation sahen. Aber wenn wir uns dann bewusst machten, dass wir aktiv dieses Leben gewählt haben und keine Opfer sind, haben wir es immer wieder sehr gut hingekriegt, eine schöne Atmosphäre zu schaffen, in der Platz für uns alle war. Letztendlich liegt die eigene Laune ja immer in der eigenen Hand.

„Schwierig wurde es immer dann, wenn wir uns als Opfer unserer Situation sahen.“

Wir haben durch unsere Reise gelernt noch besser die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu respektieren und stets zu schauen, wie wir es schaffen, dass jeder die dringendsten Bedürfnisse (Spaziergang allein, Yoga, Meditation, Mama-allein-Zeit der Tochter…) erfüllt bekommt. Außerdem machen wir viel mehr als Familie zusammen und vor allem unsere Spaziergänge am späten Nachmittag möchte ich nicht mehr missen!

Familienzeit

Ein großes Herzensthema von dir ist Nachhaltigkeit. Gibt es Produkte bei denen es dir persönlich immer noch schwer fällt, nachhaltig und ökologisch zu handeln?

Hmm, eine spannende Frage über die ich erstmal nachdenken muss. Wir kaufen definitiv sehr viel mehr Lebensmittel in Plastikverpackung, weil wir hier nur sehr selten einen gut sortierten Bioladen oder Unverpackt-Laden finden. So allgemein ist mein Leben aber tatsächlich mittlerweile ziemlich nachhaltig. Kleinigkeiten kann ich manchmal nicht nachhaltig hergestellt finden: buntes Tape und Sticker zum Basteln für meine Tochter, Makramee-Band für die Makramees, die mein Mann knüpft (hätte ich gern aus Biobaumwolle, finde ich aber nicht), hier auf Reisen finde ich manchmal tatsächlich nicht mal Recycling Mal-Papier. Außerdem fällt es mir von unterwegs sehr viel schwerer Second Hand zu kaufen; normalerweise gibt es zu Weihnachten und zum Geburtstag Second Hand Spielzeug für die Kinder, aber hier im Wohnmobil ist jetzt schon eine ganze Menge nigelnagelneues Playmobil. Da ärgere ich mich dann immer ein bisschen drüber, aber sehe auch ein, dass das Leben aktuell einfach ein bisschen anders ist. 

Wie sehen eure Pläne für die nächsten Monate aus? Wisst ihr schon, wann ihr zurückkehrt bzw. ob ihr zurückkehrt?

Ursprünglich war unser Plan, dass wir im September 2020 zurück nach Leipzig kommen um dort dann noch einige Monate zu verbringen, unsere Wohnung aufzulösen und uns einen Ort in der Natur zu suchen, wo wir langfristig wohnen möchten. Während der Reise haben sich diese Pläne ungefähr 100 Mal geändert, weil wir immer wieder überlegt haben, langfristig im Wohnmobil leben zu bleiben. Aktuell sind wir aber wieder bei unserem ursprünglichen Plan und haben uns im Wendland bereits eine mögliche Schule für unsere Kinder und einen möglichen Ort für uns herausgesucht, an dem wir uns gern 2021 niederlassen wollen. Auf Grund von Covid-19 haben wir uns aber auch entschieden, flexibel zu bleiben und zu schauen, wie sich die Lage in den nächsten Monaten verändert. Wir können nämlich nur zurück nach Deutschland, wenn wir entspannt durch Spanien und Frankreich reisen können; das geht zur Zeit noch nicht.

Am Pedrógao Grãnde in Portugal.

Zum Schluss: Das Leben, das ihr gerade führt ist für viele ja eine absolute Traumvorstellung. Welche Nachricht hast du für alle, die noch zweifeln, ob ein Leben im Wohnmobil das richtige für sie ist?

Wenn die Vorstellung von Etwas bei dir kribbelige Beine und Gänsehaut auslöst, dann gibt es nur eines zu tun: ausprobieren! Angst zu haben, braucht man nicht, denn egal, welche Entscheidung man trifft, man kann sich jederzeit wieder neu entscheiden. Selbst wenn man viel Geld in ein Wohnmobil oder Van investiert, so ist das Geld nicht verloren, wenn man nach zwei Monaten unterwegs merkt, dass das Nomaden-Leben doch nichts für einen ist – denn die Preise für Wohnmobile und Vans steigen eher, als dass sie sinken und man kann sein Zuhause im Zweifelsfall einfach wiederverkaufen. Es gibt also nichts, wovor man sich fürchten muss. Die Wohnung kann man auch untervermieten, anstatt sie gleich komplett aufzugeben (haben wir auch gemacht) und vor möglicher Einsamkeit muss man sich auch nicht fürchten, denn man lernt unterwegs so viele andere Vanlifer kennen; manchmal so viele, dass man irgendwann in eine einsame Wüste flüchtet, um mal wieder etwas Ruhe zu haben. Was auch immer deine Sorge auch ist; sie ist mit hoher Wahrscheinlichkeit unbegründet! 

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