Offline ist das neue Luxusgut – oder wie Briefe zur entspannten Anti-Ping-Bewegung werden
Kennt ihr dieses Gefühl der Reizüberflutung durch zu viel Medienkonsum? Wenn das Handy – Verzeihung, Telefon – auf sämtlichen Kanälen Alarm schlägt? Eine WhatsApp hier, eine Insta-Benachrichtigung da, und dazu ein Newsletter-Tsunami, der sich anfühlt wie das tägliche Einkommen von Kim Kardashian – nur in meinem Posteingang.
By the way: Ich sag‘ noch „Handy“ und „Disco“ – nicht aus Protest, einfach aus Gewohnheit. Sprachlich hänge ich manchmal ein bisschen in der Komfortzone – aber hey, man muss ja nicht alles upgraden, nur weil es geht.
Also gut, das Telefon pingt, ich träume von einer einsamen Insel – autark, mit einem Stapel Bücher, einer Weißweinschorle.
Wobei, mal ehrlich: nach fünf Minuten ohne WLAN würde ich Amok laufen. Und noch viel ehrlicher: Ich liebe das urbane Leben. Ganz ohne Avocado-Brot, Cappuccino mit Hafermilch (in letzter Zeit auch Iced Matcha Latte, aber sagt es keinem weiter) und Hintergrundrauschen wäre es doch auch langweilig.
Was also tun bei dieser Dauerkommunikation im Minutentakt? Briefe schreiben?
Naja, ich schreib‘ wenn es hochkommt vielleicht mal eine Urlaubspostkarte – immerhin. Aber jedes Mal freut sich jemand darüber. Weil es eben Zeit kostet. Gedanken. Aufmerksamkeit. Kein liebloses Daumen-hoch-Geklicke (hasse ich!).
„Die Briefeschreiberin“ von Virginia Evans
In Virginia Evans’ Roman „Die Briefeschreiberin“ macht Protagonistin Sybil van Antwerp genau das, was uns oft fehlt: Sie nimmt sich Zeit. Für Worte, Gedanken, Gefühle – auf Papier. Kein Like, kein Herz-Button – und trotzdem kommt so viel mehr an.
Sybil van Antwerp ist das, was man eine Grande Dame mit einem sechsten Sinn für emotionale Schieflagen nennt. 73 Jahre jung, Juristin im Ruhestand, charmant, kultiviert und nie um eine spitze Bemerkung verlegen – aber wehe, jemand kommt ihr emotional zu nahe. Dann klappt sie schneller zu als ein Schweizer Taschenmesser.
Ihre tägliche Therapie? Briefe schreiben. An alle und niemanden. Mal eine Ode ans verunglückte Abendessen, mal eine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit.
Der Postbote denkt vermutlich längst, sie sei vielleicht eine Spionin. Oder Briefagentin. So wie James Bond, aber mit besserer Handschrift und ohne Martini.
Was sie auszeichnet: ein Herz aus Gold – allerdings gut eingepackt in mehrere Lagen Etikette, Sarkasmus und Selbstschutz. Sybil ist ein Profi darin, Gefühle zu analysieren – solange sie nicht ihre eigenen sind.
Doch selbst Meister des Verdrängens stolpern irgendwann über das, was sie längst vergessen wollten. Und als ein mysteriöser Brief ihre elegante Selbstkontrolle ins Wanken bringt, zeigt sich: Selbst eine Sybil van Antwerp kann nicht ewig davonlaufen. Schon gar nicht vor sich selbst.
Ein besonderer Roman mit einer charmant eigenwilligen Erzählweise in Briefform.
Der Faden ist nicht immer leicht zu halten – doch gerade das macht den Reiz aus. Perfekt für die Badewanne oder drei Kapitel zwischen Zähneputzen und Bettkante.
So nun weiter im Text mit Blick auf die spannendsten Neuerscheinungen der letzten Monate!
„Botanik des Wahnsinns“ von Leon Engler
Leon Englers Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ ist bei mir eingeschlagen wie eine Bombe. Als kleine Hobby-Küchen-Psychologin war ich natürlich mega neugierig, was da auf mich zukommt. Und mal ehrlich: Das Cover ist wohl das schönste dieses Jahres – allein dafür lohnt sich der Blick ins Buch schon. Aber worum geht’s eigentlich?
Eine Familie, bei der Wahnsinn fast schon Tradition hat: eine bipolare Oma, eine trinkfeste Mama und ein Papa mit Dauermelancholie. Der Sohn sucht das ganz normale Leben – und landet ausgerechnet in der Psychiatrie – nicht wie ihr denkt, sondern als Psychologe.
Skurril, ehrlich und irgendwie schön verrückt – aber auf die gute Art. Mein absolutes Must-Read 2025 – dieses Buch führt meine Top 10 an.
„Das gelbe Haus“ von Mieko Kawakami
Wer jetzt denkt, das klingt schon intensiv, sollte unbedingt auch einen Blick auf Mieko Kawakamis „Das gelbe Haus“ werfen. Hier geht es um Hana, ein junges Mädchen in Tokio, das in einer selbst gewählten Familie Zuflucht findet – einer Gruppe Frauen, die am Rand der Gesellschaft leben und zusammen versuchen, ihr Leben neu zu ordnen.
Zwischen Hoffnung, Freiheit und dunklen Abgründen zeigt der Roman, wie zerbrechlich und gleichzeitig stark menschliche Verbindungen sein können.
„Furye“ von Kat Eryn Rubik
Nach all den intensiven Familiengeschichten und unkonventionellen Lebensentwürfen geht’s bei Kat Eryn Rubik in „Furye“ nochmal eine Spur wilder zur Sache. Zugegeben: Furye ist noch ungelesen, aber es ist so lange auf meiner Most-Wanted-Liste, dass ich dem Buch jetzt wirklich Zeit widmen will.
In Furye kämpft eine Frau mit viel Wut und Herz gegen die gegen die Wirren ihres Lebens. Dabei begegnet sie Chaos, Schmerz und Selbstzweifeln – und findet langsam ihren eigenen Weg. Ein kraftvoller Roman voller Emotionen und rebellischer Energie.
Also, bis zum nächsten Mal, wenn wir uns wieder irgendwo zwischen Ping und Post treffen. 🙂